Der Aufschwung der Selbermacherkultur
Berlin/Hamburg Wenn Linda Eilers in ihrem Café in Berlin ans Telefon geht, versteht sie der Anrufer manchmal schlecht. Denn im Hintergrund surren Nähmaschinen.
Für fünf Euro pro Stunde kann der Besucher hier beim Espresso-Trinken zu Werke gehen und hat nach dem Kaffee zum Beispiel ein neues T-Shirt - Marke selbst gemacht. Das Konzept scheint aufzugehen: «Es kommen immer mehr Leute», sagt die Inhaberin.
Nicht nur das Nähen in der Öffentlichkeit erfreut sich immer größerer Beliebtheit: «Selbst und individuell gestaltet wird in allen Bereichen - statt passiv zu konsumieren wird gleichzeitig produziert und konsumiert», sagt Melani Rollwage vom Trendbüro Hamburg. Dieser Trend hat zum Beispiel einen Aufschwung des Handarbeitens bewirkt: Lange als bieder verschrien, erlebt es heute seine Wiederauferstehung unter jungen Großstädtern als hippes Hobby.
Für viele, die den ganzen Tag am Computer arbeiten, ist das entspannend und eine willkommene Abwechslung. Es gilt «Kopf frei durch Handarbeit», also Wellness durch ein Zurück zum Ursprünglichen. Das ist aber nur die halbe Wahrheit - geholfen hat dem neuen Trend vor allem das Internet.
Eine mittlerweile kaum mehr überschaubare Menge von Do-it-yourself-Webseiten hilft aber nicht nur Freunden des Nähens und Strickens - Tausende tauschen sich in Kochforen über Rezepte aus, Gartenfreunde geben sich Tipps über das richtige Gießen oder das Pflanzen von Kräutern. Und auf anderen Seiten werden die Werke dann verkauft.
«Die Barrieren des Selber-aktiv-werdens sind durch das Internet viel niedriger geworden», erklärt Rollwage. Strick-, Näh- und Bastelanleitungen, Ratgeberforen oder Szene-Seiten erleichtern das Selbermachen und fördern Austausch und Verkauf. Zum Teil ist der Trend bereits aus der Nische herausgetreten - das sogenannte Homing hat schon breite Schichten erfasst.
«Fast jeder macht je nach Möglichkeiten zu Hause etwas selbst», sagt Frank Michel, Geschäftsführer der DIY Academy in Köln. Steigende Kosten zum Beispiel für Auto und Miete führten dazu, dass die Menschen mehr zu Hause sind. Daher richten sie sich gemütlich ein - mit viel Eigeninitiative: Das Homing, das sich neben Haus und Wohnung auch auf den Garten bezieht, werde sich in den nächsten Jahren weiter durchsetzen. «Man ist stolz, etwas Eigenes geschaffen zu haben.»
Bei diesem Trend zum Selbermachen geht es also vor allem um Individualität und Selbstverwirklichung. Dieses Bedürfnis entsteht unter anderem aus einem unübersichtlichen Markt mit mittlerweile häufig austauschbaren Produkten, sagt Rollwage: «Die Menschen wollen weg vom Digitalen, hin zum Authentischen.» In den kommenden Jahren weite sich dieser Trend aus, sagt Rollwage: «Das Selbermachen wird sich weiterentwickeln. Vor allem dank des Internets.» Hier werden Bürger in Weblogs zu Experten - zu neuen, immer spezielleren Themen.
Literatur: Holm Friebe und Thomas Ramge: Marke Eigenbau: Der Aufstand der Massen gegen die Massenproduktion, Campus, ISBN-13: 978-3-593-38675-1, 19,90 Euro Vorsicht beim Online-Verkauf von Selbstgemachtem Wer seine selbst gemachten Topflappen, Stulpen oder Accessoires auf Internetplattformen anbietet, informiert sich besser vorher über die Rechtslage. «Man wird schnell zum Gewerbetreibenden - und als solcher hat man Pflichten», sagt Johannes Richard, Rechtsanwalt und Experte für Internetrecht in Rostock. Sobald man mehr als ein Produkt verkaufen möchte, sollte man sich über die Regeln informieren. Sonst riskieren Verkäufer schnell eine Abmahnung oder ein Bußgeld. Von Janne Terfrüchte, dpa
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