Erfrischende Landluft in der Galerie Tent
Koblenz Frühling, Sommer, Herbst und Winter: Die vier Jahreszeiten reizen seit Jahrhunderten Künstler zur Gestaltung - ob musikalisch, bildhauerisch oder malerisch.
Der 1942 im polnischen Slupcá geborene Dieter Zimmermann, dessen Bilder jetzt in der Galerie Tent gezeigt werden, reiht sich mit seinen entsprechenden Arbeiten in eine lange Tradition ein. Und er geht erfrischend und originell mit dem Thema um.
Dass er sich seiner annimmt, ist nicht so verwunderlich bei einem Künstler, der mitten auf dem Land, im kleinen Dörfchen Bramow in der Niederlausitz, arbeitet - und in engem Kontakt mit der Natur lebt. Trotzdem haben seine Bilder mit naturalistischen Darstellungen herzlich wenig zu tun. Was mit Acryl und Öl auf die Leinwand gebracht wird, wirkt stattdessen wie eine muntere Mischung aus Keith Haring, naiver Malerei und Comic, James Rizzi und Penck. Das ist kunterbunt, figurenreich, schräg, witzig und pointiert.
Da sprießen denn auch bei Zimmermann, der in den späten 60er- und frühen 70er-Jahren in der Burg Giebichenstein in Halle bei den Professoren Sitte und Wagner studierte, im Herbst die Pilze aus dem Boden. Sie tun dies praktischerweise gleich mit Totenköpfen versehen, wenn sie nicht essbar sind. Und im Winter greift sich der Fuchs die Gans, die gerade St. Martin und Weihnachten überlebt hat, und schleppt sie ab.
Überhaupt das liebe Federvieh: Das hat es Zimmermann offenbar angetan. Es flattert, läuft und steht in auffällig vielen seiner Bilder herum, skurril in die Länge gestreckt oder mit Gesichterbäuchen versehen, als Vogelmenschen oder Menschenvögel à la Grandville. Oder als hydragleiches Vogelwesen wie im Tryptichon "Das Böse, die Schöne und der Held", letzterer winzig klein gegen das übermächtige Riesenweib, das er gegen den bösen, lüstern dreinblickenden Vogel verteidigt. Pech nur für ihn, dass dem halt die so heldenhaft abgehauenen Köpfe gleich reihenweise wieder sprießen. Der kleine Sisyphos ist nicht die einzige Verbindung zur Mythologie, die hier alles Hehren entkleidet wird, wie der seinerseits zwergenhafte Ikarus, der ohne die Flügel des Vaters gar nichts wäre.
Und als ob der Viecherei mit den Vögeln noch nicht genug wäre, bevölkern auch Hunde, Schafe und andere Tierchen die Zimmermann"sche Menagerie. Stadtluft macht frei, aber Dorfluft hilft offenbar, manches etwas philosophischer und abgeklärter zu sehen. Selbst die Nachtmahre, die "Hölderlins Turm" bevölkern. Wenn"s gar zu bedrohlich wird, bleibt ja immer noch der Rückzug ins seinerseits vom Künstler offenbar heiß und innig geliebte, immer wieder fantasievoll mit Pinsel und Farbe erschaffene "Gurkenland". Frei nach der Devise: nicht alles Banane, sondern Gurke. Und garantiert gut gegen Herbstdepressionen. (Lieselotte Sauer-Kaulbach)
Die Ausstellung in der Galerie Tent , Florinspfaffengasse 9, ist bis zum 20. November zu sehen. Geöffnet: montags bis freitags, 10 bis 12 und 15 bis 18 Uhr, außer am Mittwochnachmittag.
RZO













