Von Hitler bis Micky Maus
Mainz Wäre diese Geschichte anders als mit Puppen zu erzählen gewesen? Nach einer fabelhaften Szene huldigt das Publikum in den Kammerspielen den Künstlern mit Applaus: Doch wer steht da vorne eigentlich, während so beherzt geklatscht wird? Adolf Hitler - als Marionette freilich, aber das will man dann doch nicht.
Und hört auf, um erneut zu lachen: über Hitler, Mussolini, Stalin. Wie leicht es einem doch fällt. Weil es Stabpuppen sind? Niedliche, klein gewordene Schreckgespenster der Vergangenheit?.
Mit "Helden des 20. Jahrhunderts" ist dem Kultursommer Rheinland-Pfalz ein grandioser Abschluss des Festivals "No Strings Attached" gelungen. Das Stück ist entstanden als Koproduktion des Theaters Basel mit dem Frankfurter TAT unter der Regie von Tom Kühnel. Die famose Königin der Puppenanimation aber ist Suse Wächter. Mit nur zwei weiteren Puppenspielerinnen lässt sie rund 60 Figuren aufleben, singen, tanzen, in zig Variationen reden, wird dabei sekundiert von drei Musikern - mit Rock- und Poprepertoire - und einer Videoprojektion. Ihr Spiel entfaltet sie in einem wenige Quadratmeter großen Areal, das fast einem Tresen gleicht: Ein bisschen Geschichte gefällig, frisch und erfrischend gezapft?
Da ist, wie gesagt, Hitler, der Roosevelt und Stalin hinterrücks überfällt, sie, in Bühnenbildern gesprochen, deftig in den Hintern pimpert. Da sind Lenin und Trotzki, John F. Kennedy und Marilyn Monroe, es taucht der erste Mann im All auf, Jurij Gagarin, der Columbus des 20. Jahrhunderts. Aber auch Ché Guevara, Martin Luther King, als übergroße Puppen Marx und Freud. Einstein wartet mit der Frage auf: Lässt sich Politik objektivieren und rational gestalten? Rational? Irgendwann taucht im Nebel über den prominenten Leichen der Geschichte Micky Maus auf. John Lennon sagt: Ich bin berühmter als Jesus. Die Disney-Maus dazu: Na und. Ich auch.
Der erste Teil des Abends reicht vom Tode Queen Victorias 1901 - setzt aber eigentlich mit dem Krieg 1914 ein - bis zum Ende des Dritten Reiches. Der zweite endet quasi mit dem Mauerfall 1989, und es scheint symptomatisch, dass die Zeit der Kriege, Revolutionen und großen Oppositionen sich leichter in ein Bild fügen lassen. Die Suche nach einer neuen Ordnung der Welt nach 1945, die bis heute nicht abgeschlossen ist, lässt sich viel schwieriger fassen. Der Kalte Krieg und sein Ende - sicher, aber was kommt danach? Ein wenig zerfasert hier das Stück, so wie sich die strategischen Linien, die in die Zukunft reichen, nicht konkret nach- oder vorzeichnen lassen. Auch nicht in insgesamt fast drei Stunden.
Pete Best gebührt das letzte Wort. Er wurde durch Ringo Starr ersetzt, kurz bevor die Beatles Weltruhm erlangten. "Ich bin kein Held geworden", klagt er. Aber all die anderen, sind das Helden? Protagonisten der Zeitgeschichte, ja, aber Helden? Die Auswahl konnte natürlich nur selektiv und willkürlich erfolgen - am Ende steht eine furiose Collage aus Ikonen und ihrem Zitatenschatz, erfunden oder wahr, erschreckend oder lächerlich: auf jeden Fall prägend. (Christopher Scholz)
RZO













