Im Land leben Bürger aus 185 Nationen
Rheinland-Pfalz Multikulturell geht es zu in Rheinland-Pfalz: Jeder sechste Bürger ist aus einem anderen Land hierhergezogen oder das (Enkel-)Kind von Einwanderern.
Wie verändern "Menschen mit Migrationshintergrund" unsere Gesellschaft? Diese Frage wollen wir in einer Serie beleuchten.
Zu Hause in Rheinland-Pfalz - das sind derzeit mehr als vier Millionen Menschen (4 045 643). Für jeden Sechsten hat der Begriff Heimat allerdings zwei Bedeutungen - das Land, in dem er lebt und das Land, aus dem er oder seine Familie stammt. Etwa 703 000 Menschen (17,3 Prozent der Landesbevölkerung) leben mit "Migrationshintergrund": Sie sind im Ausland geboren und nach Deutschland eingewandert (490 000), oder sie sind das Kind - oder Enkelkind - von Einwanderern (213 000). 315 000 Einwohner von Rheinland-Pfalz leben hier ohne deutschen Pass.
Die andere Perspektive
Was bedeutet die Tatsache, dass jeder sechste Rheinland-Pfälzer seine Wurzeln im Ausland hat, für das gesellschaftliche Leben im Land? Wie prägen fremde Kulturen und Religionen unseren Alltag? Wo profitiert die Bevölkerung von einer anderen Perspektive? Und wo fehlt es an Verständnis?
Krieg, Vertreibung, aber schlicht auch bessere wirtschaftliche Perspektiven bewegten im vergangenen Jahr 25 165 Menschen aus dem Ausland dazu, nach Rheinland-Pfalz zu ziehen, 22 771 zogen fort. Die meisten Menschen kamen aus Polen (8693), dorthin gingen auch die meisten (7041). Die größte ausländische Bevölkerungsgruppe in Rheinland-Pfalz stellen die Türken (68 953), gefolgt von Italienern (26 884) und Polen (20 917). Aber auch aus Bhutan (Südasien), Dschibuti (Nordostafrika), San Marino (der ältesten Republik der Welt), Vanuatu (einem Inselstaat im Südpazifik) oder von den Komoren (Indischer Ozean) kommt jeweils eine Person. Insgesamt sind hier 185 Nationen vertreten, die verschiedenen Glaubensgemeinschaften angehören. Vor diesem Hintergrund lässt sich verstehen, dass jede sechste Ehe inzwischen "binational" ist, das heißt, die Partner kommen aus unterschiedlichen Staaten. Was bedeuten diese Zahlen?
Bestandsaufnahme am Beispiel der Stadt Koblenz, der ersten Stadt in Rheinland-Pfalz, die im vergangenen Jahr ein verbindliches Integrationskonzept verabschiedet hat. Jeder vierte Koblenzer hat ausländische Wurzeln (rund 25 440 Menschen); die meisten von ihnen sind Arbeiter und einfache Angestellte. Jugendliche machen den größten Anteil dieser Bevölkerungsgruppe aus. 80 Prozent von ihnen leben gern in Koblenz, so eine Befragung der Statistikstelle der Stadt zur Lebensqualität in deutschen Städten. Allerdings birgt die fremde Herkunft auch Probleme. Schwierigkeiten haben Migranten damit, Arbeit oder eine Wohnung zu finden und am Ende des Monats ihre Rechnungen zu bezahlen. Knapp 60 Prozent der ausländischen Schüler haben einen Hauptschul- oder gar keinen Schulabschluss. Die Abbrecherquote auf berufsbildenden Gymnasien liegt bei annähernd 50 Prozent.
Nicht alle Regionen von Rheinland-Pfalz sind für Menschen von anderswo gleich attraktiv. Einwanderer oder Kinder von Einwanderern leben vor allem in der Vorderpfalz und in Rheinhessen (Landkreise Mainz-Bingen und Alzey-Worms sowie die Städte Mainz und Worms) sowie entlang des Rheins - hier ist das Arbeitsplatzangebot von Produzenten und Dienstleistern am höchsten. Unterdurchschnittlich repräsentiert sind sie in den Landkreisen Ahrweiler, Cochem-Zell, Mayen-Koblenz und im Rhein-Hunsrück-Kreis. Generell liegt der Anteil der Menschen mit einem anderen kulturellen Hintergrund unter dem Bundesdurchschnitt.
Ausländer in Deutschland - das sind nicht nur Menschen, die eine fremde Heimat verlassen haben, um hier zu leben. "Wir hatten den größten Zuzug von Ausländern nicht an den Grenzen, sondern über die Kreißsäle!", beschreibt die Integrationsbeauftragte Maria Weber die Situation im Land. Erst seit dem Jahr 2000 gilt: Wer als Kind ausländischer Eltern in Deutschland geboren wird, erhält die Option der doppelten Staatsbürgerschaft, sofern ein Elternteil seit acht Jahren in Deutschland lebt und unbefristetes Aufenthaltsrecht genießt.
Rheinland-Pfalz hat 1987 den ersten Integrationsbeauftragten bestellt - und war damit im Ländervergleich der Bundesrepublik unter den Ersten, die Integration als politisches Aufgabenfeld entdeckt haben. 1993 veröffentlichte die Landesregierung ihren ersten Zuwanderungsbericht. Seit 2002 arbeitet die
Initiative Rifi (Rheinland-Pfälzische Initiative für Integration), in der sich Ministerien, Dachverbände, Kirchen und Universitäten austauschen.
Als Integrationsbeauftragte sitzt Weber seit zehn Jahren zwischen allen Stühlen: Sie ist das Bindeglied zwischen Ministerien, Institutionen und Bürgern und verfügt über einen Etat von rund 500 000 Euro zur Förderung von Einrichtungen und Projekten im Land. In den vergangenen Jahren hat sich der Schwerpunkt der Integrationspolitik verändert. War von Ausländern anfangs nur Anpassen gefordert, heißt das neu formulierte Ziel aktive Teilhabe: Migranten sollen in allen Bereichen des täglichen Lebens mitberaten, mitentscheiden und mitgestalten können. Im Öffentlichen Dienst, gibt Weber zu, funktioniert das nur unzureichend. Gemessen an ihrem Anteil an der Bevölkerung sind Menschen mit ausländischen Wurzeln in Behörden und der Politik viel zu selten vertreten. Webers Arbeitsauftrag ist, bessere Ausbildungs- und Arbeitsmarktchancen für Migranten, religiöse Toleranz und eine offene Atmosphäre für kulturelle Vielfalt zu schaffen. "Ressentiments gibt es immer, weil Menschen eine natürliche Abwehr gegenüber Fremdem haben", konstatiert die Integrationsbeauftragte. Sprache als Grundlage einer gemeinsamen Verständigungsbasis hält sie daher für das oberste Gebot. "Das Wichtigste ist: Wir müssen uns kennenlernen!" Nicole Mieding
RZO


















