Das T-Modell von Ford - Uropas «Golf» wird 100
Detroit Jede Zeit hat ihr Auto. Immer wieder gibt es ein Modell, das als Standard-Fortbewegungsmittel der Massen gilt. In Deutschland tragen diese Autos meist das Markenzeichen VW.
Seit den 70er Jahren hat sich der Golf den Status des klassenlosen Bestsellers gesichert. Beerbt hat er ein Modell aus dem gleichen Haus - den Käfer. Es gibt aber nur ein einziges Automobil, das als Urahn dieser Art von Massenmotorisierung gelten kann. Das T-Modell von Ford war es, mit dem vor 100 Jahren in den USA alles begann: das Zeitalter des Autos für Jedermann.
Die Idee, die zum Bau des T-Modells führte, hat allerdings wenig mit dem Prinzip zu tun, das hinter einem Golf steckt. Die Mannen um Firmengründer Henry Ford hatten den Plan, ein Auto zu konstruieren, das in jeder Hinsicht einfach war: das sich einfach herstellen, reparieren und bedienen ließ und auch günstig war. Schon optisch erinnerte das Gefährt eher an eine klassische Kutsche.
Die Bedienungselemente beschränkten sich ebenfalls auf das Nötigste. Die Startprozedur war ein echter Kraftakt, bei dem zunächst ein paar Hebelchen zu bedienen waren. Danach galt es, kräftig an einer Kurbel zu drehen, um den Motor in Schwung zu bringen und ihn zum Start zu bewegen - die ständige Gefahr von Zerrungen oder gar Knochenbrüchen beim Herumwuchten der Kurbel inbegriffen.
Auch das Fahren dürfte für verwöhnte Autobesitzer von heute ein Problem darstellen. Zwar gab es ein Lenkrad. Die drei Pedale auf dem Boden aber waren nur sehr entfernte Verwandte der heutigen Kupplungs-, Brems- und Gaspedale. Beim T-Modell wurde mit einem Hebel am Lenkrad Gas gegeben. Die Handbremse fand sich in Form eines Stocks ebenfalls in der Nähe des Steuers. Die Pedale dienten jedoch dazu, die Gänge einzulegen und die Ausgangswelle des Getriebes abzubremsen.
Ford versprach sich Gewinne durch große Stückzahlen mit günstigen Einstiegspreisen. Das T-Modell startete daher auch zu Preisen von weniger als 900 Dollar. Und während Preiserhöhungen mittlerweile bei nahezu jedem Produkt mit der Zeit üblich sind, wurde der Ford für die Massen im Laufe der Produktionszeit immer günstiger. Das wiederum hatte mit einer weiteren Idee Henry Fords zu tun, die eine Produktion in großen Stückzahlen überhaupt erst möglich machte. Mit dem T-Modell begann auch das Zeitalter der Fließbandfertigung. Von 1914 an sorgte eine rationalisierte Fertigung für kürzere Bauzeiten. Bis zu 9000 Autos sollen in guten Zeiten an einem Tag gebaut worden sein.
Ideen zur Verbesserung der Produktion führten dazu, dass der Preis des T-Modells bis 1922 auf nur noch 300 Dollar sank. Ein günstiger Preis ist natürlich an sich schon ein recht sicherer Weg zum Erfolg. Tatsächlich überzeugte das einfach konstruierte T-Modell auch noch auf andere Weise. Die schon bei der Entwicklung geforderte Einfachheit führte auch im täglichen Betrieb dazu, dass Defekte oft mit simpelsten Hilfs- oder Hausmitteln zu reparieren waren.
Der Vierzylindermotor holte aus seinen 2,9 Litern Hubraum zwar nur 20 PS heraus. Das allerdings reichte für Höchstgeschwindigkeiten von um die 70 Stundenkilometer. Die hochgesetzte Karosserie in Verbindung mit den großen Rädern ließ zudem auch das Fahren auf den damals noch wenig ausgebauten Straßen Nordamerikas zu. Außerdem zeigte sich das T-Modell alles in allem als sehr zuverlässig, so dass man es bald schon fast liebevoll «Tin Lizzie» nannte - übersetzt etwa «Blechliesel». Auch im Hinblick auf die Modellauswahl gab es wenig zu meckern: Das T-Modell gab es als Coupé ebenso wie als Zwei- oder Viersitziges Cabriolet, als Limousine oder als Lastwagen.
Eine größere optische und technische Überarbeitung erfolgte erst 1926 - aber da neigte sich die Erfolgsgeschichte des T-Modells ohnehin schon ihrem Ende zu. Die bis 1927 erreichte Stückzahl von 15 456 868 Exemplaren sicherte dem Ford noch über Jahrzehnte einen Weltrekord - den erst der VW Käfer im Jahr 1972 einholen sollte.
INFO: Henry Ford - Der Mann hinter dem T-Modell
Henry Ford wurde am 30. Juli 1863 in Wayne County im US-Bundesstaat Michigan geboren. Bereits mit 15 Jahren soll Ford seinen ersten Verbrennungsmotor gebaut haben, später arbeitete er dann als Ingenieur bei der Edison Illuminating Company des Erfinders Thomas Alva Edison. Daneben werkelte er weiter an Verbrennungsmotoren, stellte 1896 mit dem Quadricycle ein erstes Fahrzeug fertig. Dies wiederum führte dazu, dass Ford mit Investoren 1899 die Detroit Automobile Company gründete, die jedoch nach kaum zwei Jahren pleite ging. Ein neuer und erfolgreicher Anlauf folgte 1903 mit der Gründung der Ford Motor Company. Als Henry Ford am 7. April 1947 starb, war das Unternehmen längst zum Weltkonzern gewachsen. Von Heiko Haupt, dpa
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