Firmen beklagen Zeitmangel von Bachelor-Studenten
München Viele Unternehmen blicken mit gemischten Gefühlen auf das neue Hochschulsystem mit den kürzeren Bachelor-Studiengängen.
Einerseits begrüßen es deutsche Firmen, dass die Absolventen schneller und praxisnäher studiert haben.
Andererseits fällt es vielen Personalern wegen der zunehmenden Verschulung des Studiums schwerer, studentische Aushilfen - also Werkstudenten und Praktikanten - zu rekrutieren. Denn Zeit wird allem Anschein nach und entgegen allen Beteuerungen der Studien-Reformer für Studenten zunehmend zur Mangelware. Aber gerade Studentenjobs waren und sind für viele ein Sprungbrett in die Arbeitswelt.
«Es soll schneller und verschulter werden und dann soll noch Platz für Praktika geschaffen werden», beschreibt Walter Loibl das Dilemma. Er ist Ausbildungsexperte der Industrie- und Handelskammer (IHK) in Passau. Eine aktuelle Studie, an der im vergangenen Wintersemester deutschlandweit über 2100 Unternehmen aller Branchen und Größen teilgenommen hatten, erbrachte, dass die Akzeptanz der Bachelor-Absolventen recht hoch ist. Zwei Drittel finden, dass das reformierte Studium anwendungsorientierter und schneller über die Bühne geht. Mit 58 Prozent hielten jedoch auch weit über die Hälfte ins Studium integrierte Praktika für wichtig bis sehr wichtig.
Ob das zeitlich noch machbar ist , ist die Frage. Denn das Arbeitspensum eines Vollzeit-Studiengangs in Europa gleicht nach Angaben der Europäischen Kommission einem Vollzeit-Job. «In den meisten Fällen rund 1500 bis 1800 Stunden pro Jahr», gibt die Kommission auf ihrer Internetseite an. Auf so viel kommt auch ein Arbeiter mit einer 40-Stunden-Woche samt sechs Wochen Urlaub. Da bleibt kaum Zeit, um neben dem Studium als Werkstudent noch regelmäßig Erfahrungen im Betrieb zu sammeln und etwas Geld zu verdienen. Das gängige Klischee des Studenten, der um kurz vor acht Uhr aus dem Bett kriechen muss, weil die Supermärkte schließen, kann also begraben werden.
Das spürt auch der Elektronik-Konzern Siemens. Allein in Deutschland beschäftigt das Unternehmen rund 1000 Praktikanten sowie 7000 Werkstudenten, die neben der Uni noch einige Stunden pro Woche in den verschiedenen Abteilungen arbeiten. Das entspricht immerhin einem Anteil von sechs Prozent des Gesamtpersonals hierzulande. «Wir haben festgestellt, dass das Zeitbudget von Studenten, die sich für einen Bachelor-Studiengang entschieden haben, schmaler geworden ist», sagte eine Siemens-Sprecherin.
Da die Prüfungen jeweils unmittelbar im Anschluss an das Semester stattfänden, hätten die Studenten dieser Studiengänge heute weniger Möglichkeiten, andere Tätigkeiten wie beispielsweise einen Werkstudentenjob unterzubringen. Verstärkend wirke auch noch, dass viele Unis ihre Studiengänge einfach umetikettieren, wie Loibl meint. Sie packen dann den Stoff eines klassischen Diplom-Studiums in das kürzere sechs- bis achtsemestrige Bachelor-Studium.
Auch eine Sprecherin der Autoherstellers Audi in Ingolstadt bestätigte den Zeitmangel vieler Studenten. «Veränderungen haben sich insbesondere im Zeitbudget der Bachelorstudenten ergeben.» Werkstudenten beschäftige der Autobauer zwar nicht, dafür aber etwa 800 Praktikanten, die über einen längeren Zeitraum an den Standorten in Ingolstadt oder Neckarsulm tätig sind. Die Nachfrage nach Praktika von wenigen Wochen während der Semesterferien sei angestiegen. Schwieriger sei es dagegen, Studenten für ein Praktikum über fünf bis sechs Monate zu gewinnen.
Anders sieht man die Lage bei dem Strom-Konzern E.ON in Regensburg: «Signifikante Veränderungen habe ich seit der Umstellung auf die Bachelor-Studiengänge noch nicht festgestellt», sagt Unternehmenssprecher Josef Schönhammer. Auch wenn E.ON nur eine Handvoll Praktikanten, im Schnitt acht pro Jahr, beschäftigt, werde deren Arbeit dort geschätzt. «Diejenigen, die da sind, sind auch motiviert. Die nehmen sich die Zeit - trotz des Stundenplans an der Uni.»
Somit bestätigt sich die Befürchtung von Andreas Keller, Leiter des Vorstandsbereichs Hochschule und Forschung beim Hauptvorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Im Mai vergangenen Jahres schrieb er in einem Beitrag für das Magazin «HRK Hochschulrektorenkonferenz - Die Stimme der Hochschulen» anlässlich der Bildungsminister-Konferenz in London: «Dass ausgerechnet den neuen Bachelor-Studiengängen häufig Praxissemester und Freiräume für selbst organisiertes Studium zum Opfer fallen, ist alarmierend.» Damals war nach Angaben des Bundesbildungsministeriums ein Fünftel der Studenten in Bachelor- und Masterstudiengängen eingeschrieben, die bereits 45 Prozent des neuen Studienangebots ausmachten. Tendenz steigend. Von Roland Hindl, dpa
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