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100 Tage Klinsmann: Wohltäter in der Sackgasse

München Sieben Spiele, neun Punkte, 13 Gegentore und Tabellenplatz elf: Jürgen Klinsmanns 100-Tage-Bilanz könnte ernüchternder kaum sein.

Seit 31 Jahren hat es beim erfolgsverwöhnten FC Bayern München so einen Negativstart in der Bundesliga nicht mehr gegeben. Beim deutschen Fußball-Rekordmeister kriselt es, doch Jürgen Klinsmann lächelt seine schwache Ausbeute einfach weg. «Das ist ein Prozess» beschwichtigt der Trainer, der am 7. Oktober 100 Tage im Amt ist. Die Bayern-Bosse trotzen der Enttäuschung in seltener Einigkeit. Präsident Franz Beckenbauer mahnte in seiner «Bild»- Kolumne zur Geduld, Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge sprach Klinsman das «volle Vertrauen aus», und Manager Uli Hoeneß reagiert nur genervt auf die K-Frage: «Die Bilanz sage ich Ihnen am 30. Juni, da ist unser Geschäftsjahr zu Ende.»

Zumindest versteckte Kritik äußerte der ehemalige Kapitän der Bayern, Oliver Kahn. «Es ist nicht ungefährlich. Jeder Verein hat eine eigene Philosophie, an der man ein bisschen drehen kann, aber die man nicht völlig über den Haufen werfen kann», sagte der frühere Bayern-Torwart bei einem PR-Termin in München. Unverständnis äußerte er über Klinsmann Entscheidung, Kapitän Mark von Bommel auf die Ersatzbank zu setzen: «Ein Kapitän, der auf der Bank sitzt, kann nicht die Rolle ausfüllen, die er sollte. Mark ist in seiner Funktion geschwächt.»

Nach dem Stotterauftakt in der Liga und den wenig glanzvollen Auftritten in der Champions-League, in der die Bayern mit vier Punkten aber immerhin im Soll sind, ist für die Fans längst das Maß voll. «Ami go home», forderten sie Klinsmann unlängst zur Rückkehr in seine kalifornische Wahlheimat auf. Beckenbauer registriert, dass «der Mythos, dass am Ende doch (fast) immer die Bayern gewinnen, Pause macht» und stellt besorgt fest: «Die Liga spürt, dass wir im Moment verwundbar sind.» Klinsmann, vor 100 Tagen als Wohltäter in der schönen, neuen Bayern-Welt begeistert empfangen, steckt in der Sackgasse.

Er spürt, dass ihm ein stürmischer Herbst bevorsteht, aber er geht offen mit der für ihn heiklen Situation um und sagt: «Letztendlich muss der Trainer seinen Kopf hinhalten, wenn die Dinge nicht so umgesetzt werden, wie man sie den Spielern aufgibt.» Die Spieler scheinen allerdings mit der Umsetzung von Klinsmanns Fußball- Einmaleins überfordert zu sein. In beinahe wildem Aktionismus will der 44-Jährige seine Visionen vom perfekten Fußball den Bayern einimpfen, doch heraus kamen bisher einige bittere Lektionen für den früheren Bundestrainer, der beim FC Bayern erstmals als Vereinscoach tätig ist.

Klinsmann will in München seine Reformen mit aller Macht durchsetzen. Im Millionen Euro teuren Leistungszentrum, wo er seine Schützlinge mit Hilfe eines elfköpfigen Trainerstabs in Acht-Stunden- Tagen zu rundum gebildeten Menschen formen will, hat er so viel umgekrempelt, dass Rummenigge von einer «neuen Kultur in der Bundesliga» schwärmt. Auf dem Platz aber hinterließen Klinsmanns löbliche Absichten bisher viel Ratlosigkeit und einen konfusen Gesamteindruck.

Klinsmann baute im Trainingszentrum Buddhas auf und wieder ab, experimentierte erfolglos mit diversen Spielsystemen, rotierte ohne Rücksicht auf Namen und Positionen in die Krise und schuf mit der Demontage von Kapitän Mark van Bommel offenbar ohne Not einen Konfliktherd. Der Niederländer dürfte die kommenden Tage bei seiner Nationalmannschaft genießen. Klinsmann, in München so kritisch wie kaum einer seiner Vorgänger beäugt, und der FC Bayern können die Länderspielpause für ausführliche Analysen nutzen.

Die von Beckenbauer angesprochenen Schwachpunkte wie mangelndes Zweikampfverhalten oder seine leise Kritik an Torwart Michael Rensing, bei dem er sich eine «ähnliche Ruhe wie bei Oliver Kahn» erhofft, sind für Klinsmann nichts Neues. «Dass es uns ärgert und wurmt, darüber brauchen wir nicht zu reden», meinte der Coach, «jetzt müssen wir damit umgehen, und ich glaube, dass es die Mannschaft ein Stück stärker machen wird.» Von Gerd Münster, dpa

dpa-infocom


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